Das ist Ostkoster: Regionale und nachhaltige Produkte

„Vom Osten kosten heißt sich am Leben laben.” Der, der das 2004 zu mir sagte, war ein Wissenschaftler aus Weimar. Er selbst stammte aus Koblenz, hatte aber in der Stadt Goethes und Schillers als Germanist seine Bestimmung gefunden.

Damals war ich selbst erst wieder seit ein paar Wochen in Ostdeutschland, und ich begriff nicht so richtig, was der Forscher mit seinen so schön formulierten Worten sagen wollte. Anfang der 2000er war der Osten vom Westen aus betrachtet – und besonders von München aus, wo ich die letzten zehn Jahre verbracht hatte – immer doch dunkel, trist und rückständig.

Mit dem Wort „laben”, das Kant und die Gebrüder Grimm so gerne benutzten, um die Lust am Genuss zu beschreiben, brachte man zu dieser Zeit das Land zwischen Ostsee und Erzgebirge nun wirklich nicht in Verbindung. Wie gesagt, vom Westen aus betrachtet.

Wenig später wusste ich, was der Thüringer Wissenschaftler meinte. Wer sich – vorurteilsfrei – auf Ostdeutschland einlässt, erlebt weite Landschaften, die Augen urlauben lassen, einen direkten, bodenständigen Menschenschlag, der tief und stolz mit seiner Heimat verwurzelt ist, und eine breite Palette regionaler Produkte, die oft schon zu einer Zeit nachhaltig produziert wurden als das Adjektiv noch nicht hip, en vogue oder modern war.

Ein direkter und bodenständiger Menschenschlag, der tief und stolz mit seiner Heimat verwurzelt ist.

Wir im Westen wuchsen ohne wirkliche regionale Produkte auf. In unseren Supermärkten und Discountern gab es fast ausschließlich die Einheitsware der Lebensmittelindustrie – ausgenommen vielleicht die südlichen Bundesländer Bayern und Baden-Würtemberg. Bis 2014 hielt ich mich relativ häufig im Sauerland auf, da meine Eltern in der Nähe von Winterberg eine Ferienwohnung hatten. Eine Gegend in Westdeutschland also, die sich ihrer landwirtschaftlichen Tradition rühmt. In keinem der Supermärkte dort gab es Produkte aus der Region. Kein Wunder, dass wir in der Zeit zwischen 1990 und 2014 ein regelrechtes Sterben von kleinen Läden und Gaststätten beobachten konnten, die den Versuch der Vermarktung lokaler Spezialitäten unternommen hatten.

Ganz anders die Entwicklung in Ostdeutschland. Nach der politischen Wende 1989 sah es für die regionalen Produkte erst einmal sehr düster aus. Die Ostdeutschen wollten ausschließlich Waren aus dem Westen, und die Westdeutschen kanzelten die Marken aus dem Osten als „Ostprodukte” ab – was irgendwie auch für „mindere Qualität” stand. Ungefähr zwei Jahre später passierte Viererlei:

  • Erfahrene ostdeutsche Arbeitnehmer kauften ihren Firma auf, um sie vor Schließung oder Übernahme zu retten. Beispiel „Rotkäppchen” aus Freyburg an der Unstrut, Sachsen-Anhalt.
  • Engagierte Firmen aus Westdeutschland übernahmen DDR-Marken, modernisierten sie und führten sie zu neuem Erfolg. Beispiel „Bautzner Senf” aus Bautzen in Sachsen. Das Unternehmen wurde 1992 von „Develey” aus Unterhaching in Bayern übernommen; der Senf aus der Oberlausitz ist mittlerweile das wichtigste Produkt für den oberbayrischen Feinkost-Hersteller.
  • Junge, idealistische Gründer aus Ost UND West bauten neue Produkte und Marken auf, oft Bio und nachhaltig. Beispiele sind hier „Störtebeker Brauspezialitäten” aus Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern, „Taubenheimer Milch” aus Klipphausen in Sachsen oder „Spreewaldhof” aus Golßen in Brandenburg.
  • Und es gab auch große Invests aus Westdeutschland oder dem Ausland, verbunden mit dem Aufbau neuer Marken. Beispiel ist hier „Sachsenmilch” aus Leppersdorf, eine Gründung der „Unternehmensgruppe Theo Müller” (Müllermilch).

In Ostdeutschland entstand so eine fast unübersehbare Palette regionaler Produkte oder Produkte mit regionalem Bezug. Und wie auch „Ostdeutschland” 30 Jahre nach Wende, Mauerfall und Wiedervereinigung nicht mehr der einigende Begriff für die früher so genannten „neuen Bundesländer” ist, so ist eigentlich auch das „Ostprodukt” als solches tot. „Teehaus” zum Beispiel ist eine sächsische, „Halloren” eine anhaltinische, „Vita-Cola” eine thüringische, „Werder” eine brandenburgische und „Lehment” eine Spezialität aus Mecklenburg-Vorpommern.

Diese Vielfalt hat mich von Anfang an fasziniert. Da aber die Bundesländer und auch die einzelnen Lebensmittelverbände diese regionalen Produkte gar nicht bis schlecht vermarkten, habe ich mich zu diesem Blog entschieden, den ich ehrenamtlich betreibe. Er ist journalistischer Ethik verpflichtet und werbefrei. Für die vorgestellten Produkte und Orte bekomme ich kein Geld. Ich möchte…

  • Ihnen unterhaltsam regionale Produkte und ihre Geschichte vorstellen und untersuchen, wie nachhaltig diese Lebensmittel wirklich sind,
  • für Sie die Online-Shops testen, die regionale Produkte anbieten,
  • Ihnen Hotels und Restaurants vorstellen, die für Regionalität stehen,
  • Familien mit Kindern Ausflugstipps präsentieren,
  • …und für Sie auch Nachrichten und Reportagen aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen schreiben, die das Lebensgefühl Ost wiederspiegeln.

Der Soundtrack für das Lebensgefühl Ost

Wenn Sie mögen, dann nehmen Sie sich drei Minuten Zeit, um dieses Musik-Video der Brandenburgerin Anna Loos (Ex-Sängerin von Silly und Ehefrau von Jan-Josef Liefers) und des gebürtigen Braunschweigers Axel Bosse anzuschauen. Kein anderer Song, kein anderes Video verkörpert für mich mehr ostdeutsches Lebensgefühl. Dieses deutsch-deutsche Duo hat es auf den Punkt gebracht.

Patrick Ziob, Macher von Ostkoster

Gestatten Sie noch ein paar Worte zu mir: Geboren 1966 in Düsseldorf, aufgewachsen im Ruhrgebiet, Studium in Westberlin und hier auch den Mauerfall erlebt, dann Tageszeitungsreporter für Ostberlin und Brandenburg, von 1994 bis 2004 in München, um schließlich erst nach Berlin-Karlshorst und dann nach Radeberg in Sachsen zu ziehen. Von 2005 bis 2021 war ich stellvertretender Chefredakteur von Ostdeutschlands reichweitenstärkster Zeitschrift SUPERillu. Mehr über mich erfahren Sie hier.

Ich würden mich freuen, wenn Sie hier für sich Interessantes und Kurzweiliges finden. Ihr